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Akutpsychiatrie vs. Reha-Einrichtung

Nachdem ich seit kurzem auf einer Station der universitären Akutpsychiatrie arbeite, wage ich an dieser Stelle einen Vergleich des Settings mit einer Reha-Einrichtung. Dabei beruht alles auf meinem individuellen, enormen Erfahrungsschatz und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, Generalisierbarkeit oder Richtigkeit 😉

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Die Reha

Wie viele Reha-Häuser, bot auch meines sowohl Reha-Aufenthalte über die Rentenversicherung als auch stationäre Akutversorgung über die Krankenkasse an. Die Patienten boten also einen bunten Blumenstrauß an Störungsbildern. Für die Einstieg war das ziemlich genial: Von klassischer Angststörung hin zu multipler Persönlichkeitsstörung habe ich einiges sehen dürfen. Es gab nur wenige Ausschlussdiagnosen, wie Suizidalität oder auch akute Sucht.

Das Gute

Der Behandlungsauftrag ist hier sehr eindeutig: Wenn der Patient von der Rentenversicherung kommt, dann soll man ihn wieder arbeitsfähig “machen”. Falls ich ihn Begutachten soll, dann weiß ich das davor schon. Das Konzept steht bereits seit Jahren und nur die wenigsten Dinge muss ich mir selber erarbeiten.

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Die Probleme

Gefühlt geht alles hier sehr langsam. Es fühlt sich eingefahren an, und eigene Ideen einbringen und ausprobieren stößt häufig auf Widerstand. Nicht nur von der eigenen Klinik, sondern auch, weil die Kostenträger sehr strenge und eindeutige Vorgaben machen.

Auch wird im Volksmund Reha häufig mit Kur gleichgesetzt. Die Patienten wollen sich erholen und erhoffen sich ein paar Anwendungen. Dass Psychotherapie eigene Mitarbeit erfordert, insbesondere zwischen den wöchentlichen Terminen, wird häufig dabei vergessen.

Zudem sind einige Patienten “geschickt”. Das bedeutet, sie sind da, weil die Rentenversicherung es vorschreibt (Gutachten muss erneuert oder überprüft werden), der Hausarzt dringend empfohlen hat, oder der Patient kommt von Anfang an mit dem Ziel, eine Erwerbsminderungsrente zu erhalten. Psychotherapie ist dabei nicht immer die Priorität.

Womit wir beim nächsten Punkt wären: Die Doppelrolle von Therapeut und Gutachter in Kombination mit den Erwartungen der Patienten ist eine schmale Gradwanderung.

Und last but not least: Der Papierkram. Die Berichte, die geschrieben werden müssen, sind über 10 Seiten lang, gehen durch 1000 Hände, sollen bestimmten Vorgaben entsprechen und sehr vieles muss zusätzlich schriftlich beim Kostenträger erbeten werden.

Die Akutpsychiatrie

Aktuell arbeite ich im Auffangbecken, für alle Patienten, die schnellstmöglich einen stationären, sicheren Rahmen benötigen. Dabei bin ich nicht auf der geschützten Station, sondern auf einer offenen mit Schwerpunkt auf psychotischen Patienten. Die Fälle sind eindeutig schwerer und häufig auch komplexer. Ausschlusskriterien gibt es hier keine, bis auf Eigen- und Fremdgefährdung, was zu einer Verlegung auf die geschützte Station führen würde.

Das Gute

Akutpsychiatrie ist schnell. Täglich kommen und gehen die Patienten, Anfragen werden sofort geregelt, Rückmeldungen bekommt man sofort.

Auf der Seite der Patienten ist eindeutig, dass sie freiwillig aufgrund von persönlichen Krisenzuständen da sind. Das heißt sie wollen immer, dass ihnen geholfen wird und sind für jedes Fünkchen dankbar.

Dankbarkeit der Patienten ist ein Punkt, den ich direkt doppelt erwähne, weil er mir auch so wichtig ist. In diesem hierarchischem, schnellem System sind Psychologen häufig die einzigen, die Zeit für den Patienten haben. Zum ersten Mal wird Ihnen zugehört und jemand interessiert sich für sie. Nicht nur für die Qualität des Schlafs, des Stuhlgangs oder der Suizidalität, sondern wirklich für sie. Eine solche Dankbarkeit habe ich so noch nie woanders erlebt.

Persönlich empfinde ich es zudem momentan als Vorteil bzw. angenehm, die “schweren” Fälle in akuten Krisen zu erleben.

Und was ich unbedingt sagen möchte: Wenig Papierkram. Natürlich muss ich alles dokumentieren, aber mein Anteil an den Abschlussberichten ist minimal und meistens erledigt eher der Sozialarbeiter oder die Ärztin den offiziellen Antrag.

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Die Probleme

Die Patienten erhoffen sich oft eine vollständige Heilung, während der Behandlungsauftrag im Hintergrund häufig nur eine ausreichende Stabilisierung für anderweitige Fortführung der Behandlung (Reha, Fachklinik, ambulante Therapie etc.) ist. Also kommen Sie zu mir und holen sich direkt den ersten Dämpfer ab.

Auch wenig selbstwertdienlich ist die klassische Struktur der Universitätsmedizin: Ärzte über alles, der Rest bekommt die Krümel. Also muss man im richtigen Moment einfach still sein, den Medikamenten den Vorrang lassen und sich die Ärzte raussuchen, die nicht so stark an ihrem Thron festhalten.

Frustrierend ist, dass die Patienten als erstes zu uns kommen. Und damit erleben wir direkt, wenn jemand einen Rückfall hatte, wenn die letzte Behandlungs doch nicht funktioniert hat. Nach zwei Monaten fing es an, dass die Patienten wieder kamen. Und dann kommt die Frage: War meine erste Behandlung nicht gut genug?

Fazit

Es gibt noch sehr viel mehr Settings, die ich erleben möchte, bevor ich mich endgültig für eines entscheide. Aus den bisherigen,  habe ich sehr viel gelernt und ich bereue es absolut nicht, die Reha erlebt zu haben. Denn jetzt kann ich sie für mich persönlich ausschließen. Für viele meiner Mitstreiter ist es aber genau das Richtige. Also probiert alles aus! Genau dafür ist die PT da: reinschnuppern, sich austesten, neues erfahren. Noch haben wir die Möglichkeit relativ schnell und problemlos zu wechseln.

 

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