Startseite » Auf den Millimeter genau geplant

Quelle: pixabay.com

Auf den Millimeter genau geplant

Warnung: Dieser Beitrag enthält viel “Mimimimimimimimimi”!

Wie Ihr mitbekommen habt, ist diese Seite voller Elan gestartet. Auch ich war voller Elan und mein Leben war auf den Millimeter genau bestens ausgeplant:

Quelle: pixabay.com

Der Plan

Morgens um 6:00 Uhr aufstehen, um 7:00 ins Auto, von 8:00 bis 17:00 Uhr PT, um 18:00 Uhr wieder daheim, einkaufen, kochen, schlafen, repeat. Jeden zweiten Mittwoch ist abends noch eine Spielerunde mit Freunden und am Wochenende wird erst der Haushalt erledigt und dann meist entweder Theorieseminare, Berufspolitik und/oder Ausflüge gemacht. So hätte es die nächsten 1,5 Jahre gehen können. Ich hatte in meinem Plan einen Millimeter Spielraum, sonst war alles perfekt ausgeplant.

Es brökelt

Doch dann fing es an: Die PT-Stelle in der Reha hat mich von Tag zu Tag unglücklicher gemacht. Es hat immer mehr Überwindung gekostet, sich ins Auto zu setzen und loszufahren. An manch einem Tag wäre ich mit Sicherheit daheim geblieben, wenn ich nicht diese unfassbar tollen Kollegen gehabt hätte. Parallel dazu sind mein Partner und ich (endlich!) zusammengezogen, und aus einer Fernbeziehung durften wir in eine “Nahbeziehung” finden. Die berufspolitische Arbeit war super – gute Rückmeldungen, schnelle Erfolgserlebnisse, immer mehr Einladungen und mehr Events und mehr Anfragen. Bevor es eskalieren konnte habe ich die Bremse gezogen und habe meine PT-Stelle gewechselt: Kein Pendeln, 30h/Woche statt 38,5. Jetzt müsste mein Leben also wieder in die 168 Stunden der Woche passen, oder?

Leben sagt: Nein.

Die Antwort hier ist eindeutig: Nein.
In meinem kleinem, perfektem Plan, in dem alles seinen Platz hat, habe ich eines vergessen: Das Leben. Es passieren immer Dinge, die überraschend viel Zeit beanspruchen, die einen aus dem Konzept bringen und die einfach wichtiger als “der Plan” sind. Bei mir war es die Kündigung der Wohnung sowie die Einarbeitung in den neuen Job. Aus dem nichts kam die Nachricht, dass wir umziehen müssen – 2 Tage, nachdem ich in der Akut-Psychiatrie meine neue Stelle angetreten habe.

Also fing es sofort an: Auf allen Wohnungsportalen und -Karteien anmelden, diskutieren, was man will und was realistisch ist, pro Woche 4 Besichtigungen, hoffen, Absagen kassieren, weiter machen. Innerhalb von 4 Wochen hatten wir eine Wohnung, die uns wollte. Also schnell alles in Kisten packen, rüber tragen, einrichten, feststellen, dass einiges nicht passt, aussortieren, Abschied von der alten Wohnung nehmen. Und eine Küche musste gekauft werden. Ihr glaubt nicht, wie viel Zeit, Kraft und Geld eine neue Küche kostet… Gleichzeitig in der Arbeit feststellen, dass Psychiatrie minimal anders als Reha ist. Also erst einmal auf Station einleben, die eigene Position finden, ein eigenes Gruppenkonzept entwickeln etc. Und plötzlich hätte ich statt einem Millimeter einen Meter Spielraum gebraucht. Zu den Seminaren habe ich es am Wochenende nicht mehr geschafft, die Spielerunde fiel weg, ich habe mich einen Monat lang nicht mehr auf dieser Seite eingeloggt und so manch einer wartet bis Heute auf meine Antwort bzgl. eines Termins.

Qulle: pixabay.com

Centimeter statt Millimeter

Ich weiß, dass diese Stressphase vorbei gehen wird. Und ich weiß, dass meine Freunde dann noch da sein werden, dass ich mich dann immer noch überall austoben kann und dass es insgesamt wieder schön wird. Also halte ich das jetzt durch und nehme die Fäden, die ich aus den Händen verloren habe, nach und nach wieder auf. Doch inzwischen weiß ich auch: Das Leben wird wieder zuschlagen. Und wenn es soweit ist, dann sollte mein Plan nicht nur einen Millimeter, sondern einige Centimer Spielraum haben. Gerade wenn es um die Planung der Ambulanzzeit gehen wird sollte ich mir das hinter die Ohren schreiben. Und wenn ich euch einen kleinen Tipp geben darf: Schreibt es euch auch hinter die Ohren 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.