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Thema Selbsterfahrung

Selbsterfahrung – eines der elementaren Bestandteile der Psychotherapeutenausbildung. Egal, welches Verfahren man erlernt – um die Selbsterfahrung kommt man nicht herum.

Quelle: pixabay.com

Was ist das?

Was heißt Selbsterfahrung ? Plakativ gesagt “Angehende Psychotherapeuten müssen selbst einmal auf die Couch”. So erkläre ich das meinem Umfeld. Konkreter geht es darum, dass man als Therapeut ja auch nicht als unbeschriebenes Blatt in der Therapie sitzt. Wir haben auch unsere Erfahrungen, Geschichten, Vergangenheiten – nur dürfen diese in der Therapie keine Rolle spielen. Jeder Mensch hat Themen, die ihn traurig machen, wütend machen, Angst einjagen. Und diese Themen können häufig in Patientengespräch auftauchen: wenn Patienten entweder ähnliche Themen haben; wenn sie etwas an sich haben, was uns wütend macht – oder traurig. Und um diese eigenen, persönlichen Themen geht es in der Selbsterfahrung.

 

Warum sollte ich mich mit meinen Themen auseinander setzen?!

“Damit du in der Therapie unterscheiden kannst, ob die Gefühle, die bei dir auftauchen, deinen eigenen oder die des Patienten sind!”. Könnte man so grob antworten. Das ist aber eher die Antwort, die sich in psychodynamischen Verfahren findet. In der Verhaltenstherapie wird es eher als “Erwerb persönlicher Kompetenzen” gesehen (lt. Ärzteblatt, 28.03.2019)

Letzlich passt beides. Es geht um:

  • einen reflexiven Umgang mit den eigenen Problemen und Themen.
  • das Kennenlernen der Patienten-Perspektive.
  • Die Unterscheidung zwischen “mein Gefühl” und “Übertragung”.
  • Kennenlernen (und evtl. Aufheben) der eigenen Grenzen.
  • die eigene emotionale Stabilität.

Den letzten Punkt finde ich am wichtigsten – emotionale Stabilität. Diese ganze Sparte “Psychohygiene” dreht sich um die Stabilität der Psyche des Therapeuten. Das ist unser Arbeitswerkzeug. Ist das “defekt”, “nicht aufgeräumt”,  “nicht klar” –  dann haben wir ein Problem. Und der Patient auch.

Unterschiede in der Selbsterfahrung

Nach Psychotherapeutengesetz sind mindestens 120 Stunde Selbsterfahrung vorgeschrieben. Dabei ist es egal, ob diese in der Gruppe oder im Einzel stattfinden.  120 Stunden, das klingt erstmal viel. Vor allem, weil wir als PiAs  das alles selbst bezahlen dürfen. 120 Stunden sind mehr als eine tiefenpsychologische Langzeittherapie! Das sollte doch reichen. Dazu gibt es gespaltene Meinungen. Alle psychoanalytischen Institute, die ich kenne, fordern wesentlich mehr – häufig 300 Stunden Lehranalyse. Mein Institut fordert mindestens 130 Stunden (für TP und VT, für Psychoanalyse 240). Aber es propagiert, dass wir ruhig mehr Selbsterfahrung machen.  “Total PiA-unfreundlich! Die wollen, dass ihr ordentlich zahlt!” könnte man jetzt sagen. Aber so ist es nicht. Mein Institut erhält dadurch keine Einnahmen. Aber es räumt der Selbsterfahrung eine enorme Priorität sein – und das finde ich gut so! Ich finde es häufig erschreckend von VT-Kollegen zu hören “Ach, das ist alles nicht so wichtig!”, “Gott sei Dank ist das bald vorbei!”, “Ich hab zwar noch das und das Thema, aber ich brauche keine Selbsterfahrung mehr!”. Ja- es gibt da Verfahrensunterschiede. Leider. In der VT wird die Selbsterfahrung häufig in der Gruppe gemacht, aber nicht im Einzel. Ich finde das kritisch. Es gibt Themen, die kommen in der Gruppe nicht auf den Tisch. Umgekehrt machen wiele TP/AP Institute nur eine Lehranalyse/ Selbsterfahrung im Einzel. Finde ich ebenfalls kritisch. Ich habe 80 Stunden Gruppenselbsterfahrung. Ich bin in der Gruppe an Themen gekommen, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie da waren – die mich aber (rückblickend) in Gruppensituationen immer gehemmt haben.

Die Gruppenselbsterfahrung wird häufig über das Institut bezahlt. Das macht es oft “günstiger”, als die Einzelselbsterfahrung. Und damit auch attraktiver. Beides hat seine Berechtigung. Und ich finde, man sollte  beides gemacht haben!

 

Warum dieser Beitrag?

So – alles nichts Neues könnte man nun denken. Warum ist dafür ein extra Beitrag nötig?  Ganz einfach: Wir schreiben hier oft, wie es uns nach der Arbeit geht. Wie kaputt wir häufig sind nach Feierabend. Wir schreiben über Psychohygiene und über unsere Grenzen.  Und genau für all diese Bereiche ist Selbsterfahrung so wichtig! Wir lernen in der Selbsterfahrung unsere eigenen Emotionen besser zu regulieren. Bearbeiten unsere eigenen Themen – das alles führt dazu, dass uns der Job auch leichter fällt! Das wird mit den Erfahrungen der Patienten besser umgehen können. Dass wir “bessere” Therapeuten werden können. Der Narzisst, der mich immer wütend macht und den ich deswegen nicht mehr therapieren kann? Die alte Dame, die in mir ständig Trauer auslöst? All das sind Themen, die in der Selbsterfahrung bearbeitet werden können und danach von uns weniger Emotionsarbeit verlangen.
Wir tun uns mit Selbsterfahrung selbst einen Gefallen. Das ist keine “Strafe”, die PiAs auferlegt wurde, um ihnen möglichst viel Geld aus den Taschen zu ziehen. Das ist wichtig für uns als Therapeuten – und am wichtigsten für die Patienten. Denn die verdienen einen “innerlich gut aufgeräumten” Therapeuten. Es ist wichtig für uns als Therapeuten, unsere Grenzen zu kennen – und das tun wir nur durch die Selbsterfahrung.

Deswegen mein Plädoyer: Nutzt die Chance! Es kann nicht schaden, über das geforderte Mindestmaß an Stunden hinauszugehen. Es ist teuer ja – aber psychische Gesundheit kann man nicht mit Geld aufwiegen.

 

Aber die Zeit!

Das ist (neben “zu teuer!”) häufig das größte Gegenargument gegen mehr Selbsterfahrung. Selbsterfahrung kostet Zeit. 300 Studen Lehranalyse (Selbsterfahrung im Rahmen der psychoanalytischen Ausbildung) muss man erstmal unterkriegen – und das sind 3 Sitzungen/ Woche. Wir PiAs sind nicht dafür bekannt, unfassbar viel Zeit zur freien Verfügung zu haben. Und dennoch ist es meiner Meinung nach lohnenswert. Viele Institute empfehlen es, die Selbsterfahrung parallel mit dem Beginn der Ambulanzzeit zu starten. Macht man diese in Vollzeit,  so hat man zumindest die Möglichkeit die Sitzungen mit Patienten um die Selbsterfahrung drum herum zu bauen. Auch bei Teilzeit hat man zumindest eine individuellere Zeitplanung als währen der PT1 oder 2. Der Punkt ist: Die Zeit für die Selbsterfahrung frei”schaufeln” müssen wir so oder so – ob wir das nun für 120 oder 160 Stunden machen, macht dann – meiner Meinung nach –  auch keinen großen Unterschied mehr. Und Zeit in die eigene Gesundheit zu investieren hat noch nie geschadet. Fatal fände ich es, aufgrund von Zeit- oder Geldmangel an einem Punkt abzubrechen, an dem man mitten in seinem eigenen Thema ist und dieses dann nicht durchzuarbeiten. Ich kann mich nur wiederholen – wir schaden damit uns und unseren Patienten.

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