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Quelle: pixabay.com

Der Tag, an dem ich meine Grenze fand

Es war ein Tag wie jeder andere auch. Donnerstagmorgen: Ich fahre zur Arbeit, komme zur Teambesprechung und eile mit den üblichen 2 Minuten Verspätung zu meiner Patientin. Laut Akte eine schwere Depression – kein Problem, solche Patienten kenne ich inzwischen. Und dann? Dann habe ich meine Grenze gefunden.

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Die Aufnahme

Die Anamnese verlief gut, es handelte sich um eine Patienten mit Migrationshintergrund, die im Alltag stark eingeschränkt ist durch ihre Depression. Wie immer stellte ich die Frage nach ihrem persönlichem Störungsmodell: „Wie glauben Sie, hat sich diese Depression bei Ihnen entwickelt?“ Auf die Antwort war ich nicht gefasst. Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen: die Frau berichtete von einem Leben voller Gewalt, Missbrauch und Mordversuche. Und das von allen Seiten, egal ob Eltern, Lebensgefährte oder Kind.

Je mehr sie erzählte, desto mehr verfiel ich in Schock. Mir kamen irgendwann die Tränen während sie da relativ gefasst saß und von ihrem Leben berichtete. Meine Gedanken waren aus, mein Schema, dass im Kopf sonst mitläuft, war weg. Zum Glück habe ich einen Aufnahmebogen, den ich abarbeiten kann. Da stand noch „Suizidalität? Ja/nein“. Also fragte ich die Frau. Sie berichtete von mehreren Versuchen. Mein Schocklevel erreichte ungeahnte Dimensionen. Ob sie mir versichern könnte, dass sie sich in der Klinik nichts antun würde. „Nein“.

Rien ne va plus

Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits vollkommen durch, nichts ging mehr bei mir. Die Frau war erschöpft vom Bericht. 15 Minuten früher als geplant beendeten wir das Gespräch. Sie wolle sich ausruhen. Das wollte ich auch. Als ich meine Bürotür schloss atmete ich erstmals tief durch. Was war gerade passiert? Warum reagierte ich so darauf? Ich arbeite gerne mit traumatisierten Patienten und möchte mich später darauf spezialisieren. Das war nicht das erste Mal, dass mir jemand von einem Leben voller Gewalt erzählte. Und dann fiel es mir ein: Sie hatte nein gesagt! Sie hatte mir nicht zusichern können keinen Suizid zu begehen und ich habe sie trotzdem einfach gehen lassen.

Abspann

Seien wir ehrlich: Das Wort „Scheiße“ ging mir an diesem Tag noch oft durch den Kopf und über die Lippen. Erst habe ich mit einem befreundeten Kollegen gesprochen, der mich beruhigt hat. Dann habe ich meinen leitenden Psychologen abgefangen, der mir die nächsten Schritte erklärt hat und mir versichert hat, dass ich noch Zeit hätte die Suizidfrage nachzuholen. Die Patientin wurde im Gesamtteam besprochen, ich habe sie nochmal zu einem Gespräch gebeten und die Therapie konnte starten, nachdem sie es mir doch zugesichert hat. Die Nacht habe ich kaum geschlafen. Im Team und in der Supervision habe ich das besprochen und immer wieder durchgekaut.

Was am Ende bleibt

Habe ich etwas falsch gemacht? Wie hätte ich korrekt reagieren sollen? Was ist da genau passiert?
Ganz ehrlich? So ganz kann ich das heute nicht beantworten. Es wäre bestimmt ein super Thema für die Selbsterfahrung, aber bis dahin ordne ich das unter „persönliche Grenze“ ein. Der Umfang sowie die Häufigkeit der Traumatisierung war zu viel für mich. Die Patientin hat mich berührt und mitgenommen. In Zukunft werde ich darauf achten, solche Berichte besser zu kontrollieren, ggf. die Gespräche zu verschieben, um mich vorbereiten zu können. Es war gut, dass ich die Patientin am Nachmittag zu einem zweiten Gespräch eingeladen habe. Darauf konnte ich mich vorbereiten und ich war ruhiger. Auch die weitere Therapie verlief ruhig und „wie gewohnt“. Und was ich inzwischen sagen kann: Reden hilft.

Ich bin gespannt, über welche Grenze ich als nächstes stolpern werde.

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