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VT vs. TP vs. AP vs. systemische Therapie

Wenn man die Therapeutenausbildung beginnt, stellt sich ganz zu Anfang die Frage: Was will ich eigentlich?!

In Deutschland gibt es vier unterschiedliche “Richtlinienverfahren”. Das bedeutet, dass diese vier Verfahren mit den Krankenkassen abrechenbar sind. Im internationalen Vergleich ist das ziemlich wenig. In Österreich beispielsweise dürfen 19 unterschiedliche Verfahren mit den Krankenkassen abgerechnet werden.

Für Deutschland bedeutet das: Bevor du deine Ausbildung beginnst, musst du klar haben, ob du die Ausbildung in

  • VT = Verhaltenstherapie
  • TP= Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
  • AP = analytische Psychotherapie
  • oder systemischer Therapie (für Erwachsene)

machen möchtest.

Um die Entscheidung zu erleichtern, haben wir hier einen Überblick über die vier Verfahren erstellt.

Quelle: pixabay.com

Wichtig: Es ist wirklich nur ein oberflächlicher Überblick, der keinen Anspruch auf Ganzheitlichkeit stellt!

 

Verhaltenstherapie (VT)

Die berühmtesten Vertreter der Geschichte der Verhaltenstherapie sind wahrscheinlich Pavlov, Watson und Skinner. Die ursprüngliche Verhaltenstherapie wollte sich von der damals sehr berühmten Psychoanalyse Freuds abgrenzen und ging von dem “Black-Box”-Modell aus. Das heißt: Wir haben einen Reiz, der zu einer bestimmten Reaktion führt. Über das “wie” und “warum”, also das Innenleben einer Person, könne man nichts sagen. Daraus entstanden sind Formen der Konditionierung (operant und klassisch), die auch heute noch häufig verwendet werden. Im Prinzip bedeutet das “umtrainieren” des Verhaltens durch unterschiedliche Methoden (Bestrafung, Belohnung, etc.).

die Kognitive Wende

Wie eben beschrieben arbeitet die Verhaltenstherapie heute kaum noch. Es gab mehrere Entwicklungen in der Verhaltenstherapie. Heutzutage gehen Verhaltenstherapeuten ebenfalls von dem Innenleben der Person aus. Die Kognitionen (also die Gedankenwelt) einer Person werden seit der kognitiven Wende (1940er bis 1970er) direkt mit einbezogen (z.B. ABC-Schema)

Die Dritte Welle

Und es geht noch weiter: Mittlerweile wird auch die emotionale Welt der Patienten immer weiter fokussiert. Eine sehr bekannte Richtung dieser sogenannten 3. Welle ist zum Beispiel die Schematherapie.  Hier geht es viel um das sogenannte innere Kind und welche Auswirkungen dieses noch auf uns Erwachsene hat. Achtsamkeit wäre ein weiteres Beispiel für eine Methode der Dritten Welle.

Das Grundsetting der VT ist 1 Sitzung pro Woche. Häufig werden bei Angstpatienten auch Expositionen durchgeführt, diese können dann zusätzlich stattfinden und auch länger dauern als eine normale Sitzung.

 

Psychodynamische Verfahren

Analytische Psychotherapie (AP)

In der AP ist das Setting 3-5 Sitzungen pro Woche im Liegen. Hierbei geht es vor allem um die Arbeit mit der Übertragung und Gegenübertragung zwischen Patient und Therapeuten. Das heißt, man macht das Übertragungsgeschehen zum Fokus der Therapie. Die Therapie ist klar definiert durch die freie Assoziation – das heißt, der Patient erzählt alles, was ihm in den Kopf kommt. Der Analytiker bewertet alles als gleich wichtig und bearbeitet durch Deutungen, Konfrontationen oder Klärungen das Übertragungsgeschehen. Allgemein ist er dabei sehr zurückhaltend und “abstinent”.

Es gibt hierbei also kein problemfokussiertes Arbeiten. Die komplette Psyche wird analysiert mit dem Ziel, die unbewussten Aspekte der Lebensgeschichte bewusst zu machen und dem Patienten so zu einer persönlichen “Kontinuität” zu verhelfen.

Modifizierte analytische Psychotherapie

Wie der Name schon sagt, gibt es hier einige Abweichungen zur normalen AP. Die Sitzungen sind weniger häufig (1-3 Sitzungen die Woche), der Therapeut weniger abstinent. Eine Form dieser Therapie wäre beispielsweise die Mentalisierungsbasierte Psychotherapie. Häufig wird die modifizierte analytische Psychotherapie auch als Übergang zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie gesehen.

 

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP)

Die TP hat sich aus der ursprünglichen Psychoanalyse abgeleitet. Das Setting unterscheidet sich jedoch stark: Es gibt nur eine Sitzung pro Woche und die findet im Sitzen statt. Der Therapeut ist dabei relativ aktiv in der Therapie. Das Übertragungsgeschehen wird beobachtet, aber nicht aktiv mit in die Arbeit einbezogen. Die TP ist dabei eher “problemfokussiert”. Zwar soll auch hier die unbewusste Dynamik von inneren Prozessen bewusst gemacht werden, aber es wird nicht die komplette Lebensgeschichte des Patienten beleuchtet.

 

Und die systemische Therapie?

Mittlerweile wurde auch die systemische Therapie (auch häufig “Familientherapie” genannt) als Richtlinienverfahren anerkannt – allerdings nur für Erwachsene, nicht für die Kinder- und Jugendlichen Psychotherapie.
Die systemische Therapie beschäftigt sich nicht mit dem einzelnen Individuum, sondern immer mit dem ganzen System – bspw. mit der ganzen Familie. Der Patient ist nicht der “erkrankte Teil” des Systems, sondern dass System ist krank und der Patient ist Symptomträger. Das System kann die Familie sein, aber auch andere engere Bezugspersonen (Partner, Freunde etc). Das Zusammenspiel des Systems wird über verschiedene Methoden (bspw. Familienaufstellungen, Familienbrett) analysiert.

 

Literaturempfehlungen:

Wer sich jetzt tiefer in ein Verfahren einlesen möchte, dem sind laut Facebook-Schwarmwissen folgende Bücher zu empfehlen:

 

Allgemein:

Kriz, J.(2014). Grundkonzepte der Psychotherapie (7., überarbeitete und erweiterte Auflage). Weinheim: Beltz.

Boll-Klatt, A. & Kohrs, M. (2015). Praxis der psychodynamischen Psychotherapie: Grundlagen – Modelle – Konzepte. Stuttgart: Schattauer. (Das Buch habe ich selbst auch gelesen und kann es als einen Einstieg und für einen groben Überblick sehr empfehlen!)

VT:

Zarbock, G. (2017). Praxisbuch Verhaltenstherapie: Grundlagen und Anwendung biographisch-systemischer Verhaltenstherapie (4. Auflage). Lengerich: Papst Science Publishers.

TP:

Wöller, W. & Kruse, J. (2018). Tiefenpsychologische fundierte Psychotherapie: Basisbuch und Praxisleitfaden (5., aktualisierte Auflage). Stuttgart: Schattauer. (Das Buch habe ich ebenfalls selbst gelesen und kann es auch nur weiterempfehlen. Es werden auch praktische Tipps zur psychodynamischen Gesprächsführug gegeben).

AP:

Eckstaedt, A. (1995). Die Kunst des Anfangs: Psychoanalytische Erstgespräche (9. Auflage). Berlin: Suhrkamp Verlag.

Und von Sigmund Freud: Abriss der Psychoanalyse. Das Buch gibt es als Reclam und Taschenbuchversion. Sucht euch aus, was euch besser taugt 🙂

 

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