Startseite » Krank sein als Psychotherapeut – ein Ding der Unmöglichkeit?

Krank sein als Psychotherapeut – ein Ding der Unmöglichkeit?

In einem Post auf Facebook wurde ich letztens auf diese Thematik aufmerksam. Tatsächlich hab ich mir da im Vorfeld auch schon viele Gedanken drüber gemacht. Ab wann sollte man sich als Psychotherapeut eigentlich krank melden?

Quelle: pixabay.com

 

Eigentlich eine simple, einfache Frage, aber dennoch schwer zu beantworten – oder nicht?
Ich erlebe es unter Kollegen (und auch bei mir selbst) immer wieder, wie schwer es einem doch fällt, sich auf der Arbeit krank zu melden. Müssten wir nicht eigentlich “Experten” sein im Thema Selbstfürsorge und das auch vorleben? Immer gut auf uns achten und schauen, dass wir bei der Arbeit top fit sind? Oder sind das utopische Idealvorstellungen? Warum müssen mich dann zwei Freunde eine halbe Stunde lang “belabern”, bis ich sage “Ok, ich bin wirklich nicht fit. Ich bleibe lieber einen Tag zu Hause.(Und Samstag ist ja auch noch Seminar…)”? Und wenn man besagtem FB-Post glaubt, dann geht es nicht nur mir so.

Einig waren sich alle bei Fieber und ansteckenden Krankheiten. Immerhin etwas. Aber total verschnupft als Therapeut vor dem Patienten sitzen? Scheinbar trauriger Standard.

Und die Konzentration?

Was ist eigentlich mit der Konzentration? Wir haben einem Job, in dem wir einem 50-minütigen Gespräch durchgehend konzentriert und aufmerksam sein müssen: Aktiv zuhören müssen; “Subtile Botschaften” erkennen und ggf. damit arbeiten müssen; den emotionalen Zustand des Patienten aushalten und regulieren müssen – ebenso wie unseren eigenen. Auf Deutsch: knallharte Kopf- und Emotionsarbeit leisten müssen.
Wenn die Konzentration im Eimer ist, geht das nicht mehr. Akten sortieren? Wäre vielleicht kein Problem. Therapie? Wird schon schwieriger. Und trotzdem quält man sich in die Sitzung, weil … ja warum eigentlich? Da hat wahrscheinlich jeder seine eigenen Motive.

Aber wir sollten uns wirklich fragen, ob für uns die Messlatte “sich krank melden” nicht deutlich niedriger ist, als vielleicht in anderen Berufen. Denn wenn wir nicht “voll da” sind – wie gut machen wir dann noch Therapie? Werden wir dem Patienten noch gerecht? Ist es “fair”, sich krank zur Therapie zu schleppen? Der Patient erwartet (und verdient) schließlich unsere volle Aufmerksamkeit. Und schließlich werden wir dafür auch bezahlt!

Money Money Money

Und das ist dann auch schon wieder dieser eine bestimmte Aspekt: das Geld. Wahrscheinlich der größte externe Motivator des Menschen. Als niedergelassener Therapeut heißt es: krank = kein Geld. Da kann ich schon verstehen, dass man sich das zweimal überlegt. Aber dennoch bleibt am Ende die Frage:
Wann müssen wir als Psychotherapeuten die Reißleine ziehen und sagen “Ich bin krank!”?

2 comments

  1. Dana says:

    Das ist eine gute Frage und ich habe mir diese so beantwortet: Wenn ich krank bin, bin ich krank. Und krank = Zuhause bleiben.

    Im Bachelorstudium habe ich überhaupt nicht mehr auf mich selbst geachtet. Ich habe einfach nur noch funktioniert, gelernt, gelernt, gelernt, Seminare besucht, Freunde vernachlässigt, kaum noch geschlafen. Die logische Folge? Nervenzusammenbruch. Nichts ging mehr. Ich konnte tatsächlich 3 Jahre lang keinen Fitzelchen Stress mehr aushalten, bin sofort heulend ins Bett gekrochen. Und das MIR, die alles mögliche immer organisiert hatte, immer vorne dabei war und Stress ohne Probleme aushalten konnte.

    Jetzt, 8 Jahre später, weiß ich, worauf ich achten muss. Nämlich auf MICH! Wenn ich krank bin, dann muss ich gesund werden und das geht nur, wenn ich mich in Ruhe auskuriere. Also bleibe ich zuhause und melde mich krank. Gut, ich bin noch keine Psychotherapeutin (Geld kann ein ganz schöner Motivator sein), aber ich sehe da auch den Aspekt der Beratungsqualität für den Klienten. Was hat er von mir, wenn ich da verschnupft, mit Watte im Kopf, vor ihm sitze und 1 und 1 nicht mehr zusammenzählen kann, oder nicht mehr DIE Fragen stelle, die nötig sind, um den Verarbeitungsprozess in die richtige Wege zu leiten? Nein, da bleibe ich lieber zuhause. Aber man muss manchmal aushalten können, dass einem dann manchmal der pure Frust seitens der Klienten entgegen schlägt. Ein Therapeut, der krank wird? Das darf doch nicht sein. Das geht ja mal absolut gar nicht. Aber es geht hier mal um mich – Psychohygiene halt. 😉

  2. Lena says:

    Danke für die Antwort!!
    Mir ging es während der Oberstufe so! Und während des Studiums bin ich in ähnliche Muster geraten, nach meiner Masterarbeit war ich ein nervliches Wrack. Jetzt, zwei Jahre später, geht es mittlerweile wieder. Aber die Stressmuster sind noch immer da. Dafür tut mir die Selbsterfahrung gut.
    Ich finde es gut, dass du das so für dich entschieden hast und dich da gut abgrenzen kannst. Daran übe ich derzeit noch.

    LG Lena

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.