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Neusäß

Ist das noch Freundschaft – oder schon Therapie?

Jede PiA kennt das: Man lernt etwas super tolles neues, eine neue Methode, eine neue Art der Gesprächsführung oder ein neuer Test, und probiert es am Patienten aus. Und es funktioniert! Der Patient springt darauf an, ich erreiche in der Therapiesitzung mein Ziel und am Ende sind alle ein Stück glücklicher. Was lernen wir also? Die Methode ist gut. So gut, dass sie doch bestimmt noch anderen Menschen helfen könnte… Der Klaus hatte doch letztens so ein ähnliches Problem, vielleicht würde ihn das weiterbringen… Doch ist das dann noch Freundschaft oder schon Therapie?

Klaus, seine Freundin, mein Sofa und das ABC

Gehen wir das doch an einem konkreten Beispiel durch: Das ABC-Schema. Die meisten Psychologen kennen es: Erst den Auslöser ganz objektiv betrachten, dann die Bewertungen und Gedanken ausarbeiten und auch die Konsequenzen auf Gefühls-, Körper- und Verhaltensebene werden betrachtet. Durch dieses Aufdröseln gewinnt man Abstand zur Situation, man versteht, wie komplex das Reaktionsmuster war und wo man eventuell etwas verändern könnte.

Klaus hat sich also mit seiner Freundin gestritten. Er wollte am Wochenende mit ein paar Kumpels aufs Festival – Sie wollte ein Wochenende in trauter Zweisamkeit. Es kam wie es kommen musste: Beide haben sich Vorwürfe á la “immer machst du das….”, “nie hörst du mir zu….” etc. und 2 Stunden später saß er mit einer Tasse Tee auf meinem Sofa und hat sich ausgekotzt.

Auskotzen ist ja schön und gut – aber ich bin doch Psychologin. Ich kann ihm sicher noch weiterhelfen! Was war denn genau los? Warum seid ihr laut geworden? Woran hat dich die Situation erinnert? Was hast du dabei gedacht? Was war dein Gefühl dabei? Bist du sicher, dass es nur Wut war? Oder hat da vielleicht doch etwas Traurigkeit mitgespielt… Dein Körper war doch sicher angespannt, hattest du auch Tränen in den Augen? Was hast du danach gemacht? Hast du noch die Tür zugeschlagen, bevor du zu mir aufs Sofa gekommen bist?

So fertig, wie Klaus gerade ist, beantwortet er mir auch alle Fragen und merkt gar nicht, dass ich schon längst nicht mehr im reinen “Freundschaftsmodus” bin. Meine kleine Therapeutin in mir wird gerade wach und drängt die Freundin immer mehr in die Ecke.

Am Ende geht es ihm besser. Er hat sich beruhigt, sieht, dass er teilweise überreagiert hat und versteht, warum seine Freundin das gemacht hat was sie gemacht hat. Nächstes mal will er auch alles anders machen und mehr bei sich bleiben statt so böse Vorwürfe zu machen. Super – etwas Gewaltfreie Kommunikation hat er also auch direkt mitgenommen.

Natürlich hat Klaus dadurch keinen Schaden genommen. Und natürlich war das keine reine Therapie. Aber es war auch keine reine Freundschaft – oder? Wäre ich Informatikerin gewesen, dann wäre das Gespräch doch ganz anders verlaufen. Durfte ich das so machen? Oder habe ich eine unsichtbare Grenze überschritten?

Freundschaft oder Psychotherapie?

Das Beispiel ist sehr einfach gewählt. Gerne können wir noch weitergehen und uns Freundschaften zwischen PiAs anschauen. Wie oft wird da gemeinsam analysiert, auf Bedürfnisse hingewiesen, hinterfragt, umgedeutet, Abwehrmechanismen benannt und und und? Wie weit darf man da gehen Ist das noch Freundschaft oder schon Psychotherapie?

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